Nr. 7 EMIL - Dem Nikolaus auf der Spur

Geposted von Antonio Cerro am

Am Abend des 5. Dezembers lag Emil mit offenen Augen im Bett und starrte die dunkle Zimmerdecke an.

Seine Eltern waren soeben schlafen gegangen und es war ruhig im Haus.

Irgendwann in dieser Nacht würde der Nikolaus kommen und seine Stiefel mit vielen Leckereien füllen. Doch wann würde das sein? Direkt um Mitternacht? Davor oder danach?

Emil war viel zu aufgeregt, um schlafen zu können.

Auf einmal hatte er eine Idee und setzte sich ruckartig im Bett auf. »Aber natürlich! Ich könnte mich mit Hilfe meines Wunderslimes unsichtbar machen und auf den Nikolaus warten. Er würde gar nicht merken, dass ich überhaupt da war.«

Emils Wunderslime hatte ihm schon viele gute Dienste geleistet und ihn von einem Abenteuer zum nächsten geführt. Aber würde er sich mit ihm wirklich unsichtbar machen können?

Emil stand auf, kramte seinen Wunderslime aus der Schublade und wiederholte seinen Wunsch.

Nur wenig später spürte er ein seltsames Kribbeln am ganzen Körper. Hatte es geklappt?

Schnell, aber so leise wie möglich, ging er zu seiner Zimmertür, öffnete sie und rannte zum großen Spiegel im Flur. Er stand direkt vor diesem, konnte darin aber nur die Wand hinter sich sehen. Von Emil selbst war nichts zu erkennen.

Beinahe hätte er laut aufgeschrien vor Freude, konnte es sich jedoch gerade noch verkneifen.

Es hatte also tatsächlich funktioniert. Er musste nur noch eine Stelle suchen, von wo aus er den Nikolaus gut sehen konnte, ohne dass er ihm im Weg stand. Sollte er hinaus in den Garten gehen? Nein, dazu war es im Schlafanzug viel zu kalt. Selbst wenn er sich dicke Winterkleidung anzog. Denn er wusste schließlich nicht, wie lang er ausharren musste.

»Also lieber aus einem Fenster schauen«, murmelte er leise.

Aber von welchem hatte er den besten Blick auf die Haustür, vor der die Stiefel standen? Die Frage war auch: Von wo kam der Nikolaus? Würde er wie alle anderen Besucher durch die Gartenpforte kommen, ploppt er einfach vor den leeren Stiefeln auf oder schlich er von hinten um das Haus herum, damit man ihn eben nicht von einem Fenster aus erspähen konnte?

Doch plötzlich hatte er die Erleuchtung. »Alles Blödsinn! Es gibt einen besseren Platz als ein Fenster!«

Na, weißt du, welchen Platz Emil meinen könnte? Nein, nicht etwa das Dach. Wie sollte er denn da hinaufkommen? Außerdem war das viel zu gefährlich. Ein falscher Tritt und er würde hinunterpurzeln. Die Lösung war viel einfacher und vor allem sicherer: Die Haustür bestand zum Großteil aus Glas.

Somit setzte sich Emil auf den Fußboden hinter der Tür und wartete.

Er musste lange dort ausharren und allmählich wurde er müde – so müde, dass er aufpassen musste, seine Augen nicht zu schließen. Denn ansonsten würde er auf der Stelle einschlafen und den Nikolaus am Ende doch verpassen.

Nanu, was war denn das? Hatte er da nicht eben eine dunkle Gestalt gesehen?

Emil rieb sich die Augen und riss sie anschließend weit auf. Er schaute durch die Glasscheibe in den Garten.

Die kleine Gartentür wurde genau in dem Moment geöffnet und jemand kam den schmalen Weg entlang direkt auf ihn zu. Nein, nicht auf ihn, sondern auf das Haus.

»Er sieht mich nicht. Er sieht mich nicht«, flüsterte er. Vor Aufregung zitterte Emil am ganzen Leib. Gleich war es so weit. Gleich würde er den leibhaftigen Nikolaus sehen.

Die Gestalt kam näher und näher und auf einmal sprang der Bewegungsmelder der Beleuchtung vor der Haustür an.

Emil zuckte erschrocken zusammen. Spätestens in dem Augenblick hätte der Nikolaus ihn sehen müssen, wenn er nicht unsichtbar gewesen wäre, denn er presste seine Nase ganz dicht an das Glas, um auch ja nichts zu verpassen.

Doch der Nikolaus, der eine schmuckvolle Robe sowie eine gefühlt meterhohe Mütze trug und einen Stab in der einen Hand hielt, der sich oben kringelte. In der anderen Hand trug er einen prall gefüllten Sack. Diesen stellte er mit einem durch die Tür gedämpften Schnaufen ab, lehnte den Stab an die Hauswand und kramte in dem Sack herum. Er nahm mehrere Kleinigkeiten heraus und füllte sie in die Stiefel.

Emil freute sich. Schon in dieser Nacht konnte er einen Blick auf die Leckereien werfen, die in seine Stiefel gesteckt wurden. Außerdem konnte er tatsächlich den Nikolaus bei seiner Arbeit beobachten. Welches Kind konnte das schon von sich behaupten? Blöd nur, dass ihm das wahrscheinlich niemand glauben würde. Egal, er wusste, dass das kein Traum war, sondern ein weiteres Abenteuer, das er dank seines Wunderslimes erleben durfte.

Nach einer Weile war der Nikolaus fertig, nahm Stock und Sack wieder auf und stiefelte durch die dünne Schneeschicht, die durch die Beleuchtung gut zu erkennen war, den Gartenweg zurück.

Kurz darauf war alles wie immer – nur die Stiefel waren nicht mehr leer.

Glücklich ging Emil zurück in sein Zimmer und legte sich wieder in sein Bett.

Noch einmal kribbelte sein ganzer Körper und er wusste, dass er nicht mehr unsichtbar war.

Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen schlief er ein und freute sich darauf, morgen seine Stiefel zu leeren.

Autorin: Bettina Huchler


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